

Campus Galli / Baden-Württemberg
Reise in die Vergangenheit: Eine karolingische Klosterstadt entsteht
In Meßkirch, einer Kleinstadt in Baden-Württemberg, wird fleißig gebaut. Auf der Grundlage des »St. Galler Klosterplans« aus dem frühen 9. Jahrhundert entsteht hier die Nachbildung eines frühmittelalterlichen Klosters mit Abteikirche, Wohnräumen, Werkstätten, Stallungen und Kräutergärten.
Seit dem Morgen des 1. August 2012, wo auf einer Wiese anhand der ersten Strahlen der aufgehenden Sonne die Ausrichtung des Klosters bestimmt wurde, wird hier ein uralter Bauplan originalgetreu umgesetzt, bauen Handwerker mit den Techniken von vor 1.200 Jahren ...
Freilichtmuseum, Baustelle & Forschungsprojekt
»Campus Galli« ist Freilichtmuseum, Baustelle und Forschungsprojekt. Seit 2018 besteht eine Kooperation zwischen dem Competence Center Archaeometry der Universität Tübingen und dem Campus Galli. Beim Errichten der Gebäude kommen im Sinne der experimentellen Archäologie Baumaterialien und -methoden des 9. Jahrhunderts zum Einsatz. Hierdurch erhofft man sich wissenschaftliche Erkenntnisse über Architektur und Bautechnik jener Zeit.
Authentizität ist kein leichtes Unterfangen
Wer hier eine filmreife Kulisse à la Vikings, Robin Hood oder King Arthur erwartet, sollte gar nicht erst anreisen. Auch von einem Kloster ist weit und breit nichts zu sehen ... Der Anspruch, das Mittelalter realitätsgetreu auferstehen zu lassen, ist kein leichtes Unterfangen. Und so schreitet die Baustelle nur langsam voran. Authentizität ist ein hochgestecktes Ziel, besonders wenn man sich ins weltliche Umfeld des 9. Jahrhunderts begibt. Hier mangelt es schlichtweg an Quellen, wie damals tatsächlich gelebt und gearbeitet wurde. Und so müssen im Alltag der Baustelle immer wieder Kompromisse eingegangen werden.
Wer offenen Herzens über die verschlungenen Pfade von Campus Galli wandelt, wird an jeder Wegbiegung liebenswerte Details entdecken können.
Das Vorbild: Guédelon
Übrigens: Wem das Ganze Setting bekannt vorkommt: Die ambitionierte Idee zum Bauprojekt hatte Bert M. Geurten (1949-2018), als er eine Dokumentation über das burgundische Guédelon sah. Nur dass in Meßkirch keine Burg errichtet wird, sondern ein Kloster. Die Gesamtbauzeit der Anlage wird auf circa 40 Jahre veranschlagt.
Mittelalter zum Entdecken und Bestaunen
Ich selbst habe einen handwerklichen Background. Durch meine dreijährige Ausbildung zur Elfenbeinschnitzerin sind mir Tätigkeiten wie Modellieren, Bildhauen, Drechseln, Holzschnitzen oder Metallverarbeitung vertraut. Sie waren Teil meiner Lehrzeit. Was wir hier vor Ort zu sehen bekamen, hat mich nachhaltig beeindruckt. Egal, ob Steinmetz, Korbmacher, Töpfer, Schmied, Seiler, Weber, Schreiner, Färber, Schindelmacher, ... All diese Menschen, ob Frau, ob Mann, tragen mit ihrem Können dazu bei, dass hier jeden Tag ein kleines Stück karolingisches Frühmittelalter entsteht. Wie knochenhart der Job auf der Baustelle sein muss, können wir nur erahnen. Auf jeden Fall lieferte das Erlebte genügend Gesprächsstoff für unsere Heimfahrt nach Frankfurt.
Lust auf eine einzigartige Zeitreise?
Wer Mittelalter hautnah erleben möchte, sollte sich das historische Projekt Campus Galli nicht entgehen lassen! Wir wollen auf jeden Fall in den nächsten Jahren einmal wiederkommen, um zu schauen, was sich bis dahin alles verändert hat.